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Matthijs Bouw and Joost Meuwissen, Bollen House near Eindhoven, 1998-1999. Preliminary rendering.

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Posted 01 Dec 2000

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Urs Primas, ‘Sampling aus dem Katalog der Architekturgeschichte. Die perfekte Lösung für eine Traumvilla’, Werk, Bauen + Wohnen, Nr.12, Dezember 2000, 87./54. Jahrgang (Zürich: Verlag Werk AG, 2000), 10-15.

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Sampling aus dem Katalog der Architekturgeschichte. Die perfekte Lösung für eine Traumvilla

Urs Primas

Gegen die unkontrollierte Zersiedelung ersann die Tessiner Tendenza eine anspruchsvolle architektonische Kultur, deren objektive Aussagen aus kaputten Kontexten wieder “Orte” machten. Eine andere Therapie für Su­burbia schlägt das Amsterdamer Buro One Architecture vor: Die “wilden” Siedlungsräume sind Ausgangslage – nicht Feindbild – für entwerferische Untersuchungen, deren Plot jeweils um Individualismus und Hedonismus kreist. Das Nebeneinander von Funktionen, Motiven und Begierden wird sowohl bei Überbauungsstudien als auch bei Einzelobjekten wie dem Anbau an eine bestehende Villa bei Eindhoven pragmatisch ausgereizt. So ist der in den grossen Garten gestellte Annex weniger ein autonomes Volumen als eine masslose Ausstülpung, in welcher Motive und Räume der klassischen Moderne frei zusammenfliessen.

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“Pornografie ohne Suburbia wäre politisch inkorrekt. Suburbia ohne Por­nografie wäre langweilig.” In ihrem Text ‘Pornography from Suburbia’ erkunden Matthijs Bouw und Joost Meuwissen von One Architecture ihre eigenen Arbeiten unter Zuhilfenahme des amerikanischen Archi­tekturtheoretikers Michael Speaks.[1] Sie entdecken darin zwei Themen, die sie als parallele Beschreibungen derselben Bewegung begreifen: Pornografie einerseits, aufgefasst als direkte, nicht über ein formales Regel­werk von Anstand oder Disziplin vermittelte Erfüllung eines Verlangens. Suburbia andererseits, aufgefasst als die Möglichkeit individualisierter Lebensmuster und als Stadt der Punkte und Felder im Gegensatz zur linear organisierten Stadt des neunzehnten Jahrhunderts.
Dementsprechend lässt sich eine doppelte Entwurfsstrategie for­mulieren. Einerseits müssten die verschiedenen Impulse oder Wunsch­vorstellungen hinter einer Aufgabe so direkt wie möglich in verschiedene, einfache Elemente übersetzt werden. Andererseits wäre das Verhältnis dieser “Punkte” zueinander als offenes System, als Feld zu for­mulieren. Als Beispiel für ein derartiges Vorgehen könnte man One's Masterplan für Maxglan bei Salzburg anführen. Anstatt das ganze Ge­biet mit Hilfe einer neu erfundenen Form zu organisieren, lässt dieses Projekt Formen aus spezifischen lokalen Notwendigkeiten und Begier­den hervorgehen. Ausgangspunkt ist die Wiederholung und Differen­ziation von “Dingen, die bereits da sind, und die schön sind.” Bei einem Treffen der Architekten mit den Einwohnern von Maxglan hatte sich herausgestellt, dass jene eigentlich ganz glücklich waren mit der un­ordentlichen Lockerheit ihres Vorortes und gar nichts Neues wollten. Entstanden ist ein Plan, der in gewissem Sinne alles beim Alten lässt, aber bestimmte Möglichkeiten, die in der losen vorstädtischen Konfi­guration angelegt waren, aufspürt und intensiviert.
Einen ähnlichen Einstieg in die Entwurfsarbeit haben Bouw und Meuwissen bei ihrem ersten realisierten Bauauftrag gefunden, der Er-

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weiterung eines vor fünfzehn Jahren im französischen Landhausstil er­bauten Einfamilienhauses. Als erstes haben sie ihrer Bauherrschaft einen Katalog berühmter Villen aus den letzten fünfhundert Jahren vorgelegt. Aus dieser “Best of”-Kollektion von Palladio bis Koolhaas durfte die Familie sich ihre Traumvilla aussuchen. Wiederum nicht eine von den Architekten erfundene Form, sondern ein “Mapping” der ausgespro­chenen Vorlieben und heimlichen Begierden der Auftraggeber sollte zum Ausgangspunkt der Entwurfsarbeit werden. Dies in der Überzeugung, dass sich im Fundus der Architekturgeschichte eine Lösung finden wür­de, welche für ihr Problem aktualisiert werden konnte. Die Wahl der Familie fiel auf das Farnsworth House von Mies van der Rohe – wegen der Grosszügigkeit und Offenheit der miesianischen Architektur, vor allem aber wegen der Beziehung des erhöhten Wohnraumes zum Gar­ten, den sie seit dem Bau des ersten Hauses durch Ankauf umliegender Grundstücke stetig erweitert hatten.
Genau das ist schliesslich übrig geblieben yom Mies-Sample, wel­ches One Architecture in das kitschige Einfamilienhaus eingearbeitet hat: eine erhöhte Wohnplattform, die sich wie eine Bühne in den Gar­ten hinaus erstreckt, und eine Offenheit und Grosszügigkeit, die sich bis tief in die Eingeweide des Häuschens ausbreitet und ihm seine Klein­lichkeit gründlich austreibt. Abgesehen davon ist die moderne Ikone allerdings nach ihrer Vereinigung mit der suburbanen Banalität kaum mehr wiederzuerkennen. Fast symmetrisch umklammern Badezimmer und Sauna die gegen zwanzig Meter lange Glasfassade mit ihren Schiebe­türen.
Den oberen Abschluss bildet ein klassizistisches Gesimse aus rost­freiem Stahl. Die erhöhte Wohnplattform schwebt nicht über der Natur, sondern ist als Sockel in den Garten eingebettet. Das “Zurückverschin­keln” des Farnsworth-Samples entlarvt und überdreht eine Möglichkeit, die latent im Werk von Mies angelegt war: die Kontamination des Mo­dernen mit dem Klassischen – “nicht so sehr die dialektische Einfügung des Klassischen in die Moderne, sondern eine Eindämmung oder Über­schreitung des Klassischen.”[2]
Das Innere ist wie ein miesianischer Plan als offene Konfiguration von unabhängigen Elementen entworfen. Aber auch hier arbeiten die Architekten eine andere Möglichkeit heraus, jenseits der “grossen Har­monie” des modernen Meisters. Die Einzelteile sind nicht von einer Hand entworfen, sondern enthalten Bruchstücke verschiedener Architektur­sprachen. So wurden die Schiebetüren zwischen Wohn- und Schlaf­bereich buchstäblich aus dem Haus Linthorst von OMA in Rotterdam übernommen. Die Topografie des Badezimmerbodens stellt eine Refe­renz an die computergenerierte Architektur von Lars Spuybroek dar. Im Unterschied zum Zitat in der Postmoderne, durch das dem Gebäude eine zusätzliche, bedeutungsschwere Ebene hinzugefügt werden sollte, werden hier Architekturzitate in erster Linie als vorhandene perfekte

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Lösungen für bestimmte Entwurfsprobleme eingesetzt. Wie die Land­schaft im Salzburger Masterplan, erlaubt der fliessende Miesraum diesen grundverschiedenen Dingen, sich unabhängig voneinander zu entfalten und aufeinander einzuwirken. Dabei vermeiden die Architekten sorg­fältig jede Vereinheitlichung der unabhängigen Elemente, jede über­greifende Ordnung. So schliesst die Schiebetüre zum Schlafzimmer mit einer riesigen Bürste direkt, ohne Pfosten, an die Glasfassade an. Der Pfosten hätte Glasfassade und Schiebetüre zu Bestandteilen eines Sys­tems, einer Innenarchitektur zusammengefasst und den langen Raum in Schlaf- und Wohnzimmer gespalten.
Mies strebte in der Baukunst “eine grosse Harmonie, vom Haupt­gedanken bis in die letzten Details” an. Die Details sah er als Mittel zur Verdeutlichung der eigentlichen Grundidee.[3] So applizierte er seine be­rühmten “dekorativen” I-Profile aussen an den Türmen am Lakeshore Drive, um die blosse Konstruktion zu einem “Ausdruck” zu erheben. One Architecture dagegen stellen ihr klassizistisches Dachgesimse aus technischen Gadgets zusammen, die man auf einer Terrasse heutzutage nun einmal nötig hat – Heizstrahler, UV-Lampen gegen die Mücken und einen riesigen, ausfahrbaren Sonnenschutz. Der Remix von One Archi­tecture stellt den miesianischen Idealismus vom Kopf auf die Füsse ­– vom Hauptgedanken bis zu den Details. “Eindrucksvoll an Pornofilmen, im Unterschied zu anderen erotischen Filmen, ist der absolute Realismus, mit dem es gefilmt wird.
Kein weiches Licht. Sie kommen direkt zur Sache. Der Betrachter kriegt unmittelbar das, was er will.”[4]



[1]  One Architecture, Urban Projects, Berlin 1998.

[2]  Peter Eisenman, ‘miMISes READING: does not mean A THING’, 1987, vgl. Auch Manfredo Tafuri und Francesco Dal Co, ‘Modern Architecture’, New Yoprk 1982.

[3]  Aus einem Interview mit Mies van der Rohe, Dokumentarfilm von Michael Blackwood, WDR 1985.

[4]  One Architecture, Urban Projects, Berlin 1998.


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