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Posted 20 Mar 2001

Joost Meuwissen, Review von Paul Rajakovics, Kontextuelles Handeln in Architektur und Städtebau (Graz: Dissertation, 2001).

Handlungsräume

Joost Meuwissen

Projekte von den Büros Transbanana und Transparadiso versuchen Aufgaben in ihrem praktischen und diskursiven Kontext weiterzuführen, über eine beschränkte, “funktionelle” (§ 2.1) Auffassung der Aufgabe hinweg. Es geht um Auseinandersetzungen oder Architektur als unmediatisierte Kommunikation. Unmediatisiert eben deshalb, weil die Architektur als herkömmliches Medium nicht mehr im Wege steht, was eine “Infragestellung des ‘herkömmlichen’ architektonischen Diskurs” (§ 0.2), sowie eine Infragestellung der Figur des Architekten als Künstler, Übermensch oder Genie (§ 1.3) miteinschließt.
Eine solche Unmediatisiertheit stimmt überein mit einer fast ästhetischen Kritik an “layers” oder Überlagerungen (Kap. 2), zugunsten einer Auffassung von Fragmentismus als reines Ergebnis der Anwesenheit von “verschiedenen Standpunkten” (§ 0.2). Für ein “kontextuelles Handeln” werden gesamte Dichotomien (§ 0.2), wie zwischen Forschung und Praxis (§ 0.1) oder Architektur und Sprache (§ 2.2) einfach zur Seite geschoben, wobei die Praxis aber in der Reihe als “1:1” definiert wird (§ 0.2). Warum nicht Forschung oder Sprache als 1:1 definiert wird, bleibt leider unklar. Das heißt, wie im herkömmlichen Architekturdiskurs bleibt die Praxis auch hier noch dominant, es sei denn, daß jede Einengung oder Funktionalisierung dieses Praxisbegriffes, zum Beispiel im Falle der Berliner Investorenarchitektur (§ 1.2.1), kritisiert wird. In dem Sinne könnte meiner Meinung nach unter 1:1 hier auch das Universum oder die Wirklichkeit verstanden sein und könnte die Methode statt als ein kontextuelles Handeln neben “konzeptuellem” Denken (§ 2.2) auch als rein empirisch betrachtet werden, es sei denn, daß diese Empirie auch, zum Beispiel im Falle des “Making It” Projektes in Wien, wo von der Ausschreibung vorgeschlagen wurde, die Institutionen nicht zu berücksichtigen, “Institutionen” jedoch ausdrücklich miteinschließt, wobei dann aber in der Reihe die jeweilige Institution mit der “Stadt” zusammenfallend gesehen wird und so mithin wieder auf 1:1 reduziert wird (§ 6.4.1).
Anschließend an der Sprachtheorie von Ferdinand de Saussure und deren Anwendung auf Kulturerscheinungen von Roland Barthes (Kap. 2) wird zwar zwischen Dargestelltem und Darstellendem unterschieden, diese Dichotomie wird aber kaum thematisiert und sozusagen schon dadurch überwunden, daß der Unterschied von Claude Lévi-Strauss zwischen “sinnlich” und “formal” eher als ein Nebeneinander und nicht wie ein Widerspruch aufgefasst wird, eben weil beide “positiv” sind (§ 0.2). In der Reihe kann der Autor mit Henri Lefebvres Unterschied vom “Repräsentationsraum” und “Representation des Raumes” (Kap. 3) nicht viel anfangen. Im Allgemeinen ist dabei die Darstellung Lefebvres Raumtheorie meiner Meinung nach nicht sehr klar, was damit zu tun haben könnte, daß ihre Kategorisierung zu verfeinert gefunden wird (§ 3.1.1), was eine stimmige Bemerkung ist. Das Verhältnis aber von dem “absoluten Raum”, der “unberührten Natur”, der Ortslosigkeit und einer symbolischen Funktion des absoluten Räumes (Kap. 3 und § 3.1.1) bleibt auch in der Beschreibung rätselhaft. Was einfach fehlt in der Methode und deren theoretischen Ausprägung ist meiner Meinung nach eine Neigung zur Repräsentation oder zur Ästhetik, womit ich keine ästhetische Architektur, sondern eine ästhetische Betrachtungsweise meine, welche eine Erscheinung auch darin analysiert, was in der Erscheinung erscheint. Die schöne und präzise Beschreibung eines Porträts von Jean Nouvel zum Beispiel (§ 1.3) bleibt eine bloβe Beschreibung. Daraus wird keine Analyse. Letztendlich könnte die Vorliebe für die Situationnisten damit zu tun haben, daß sie “anfänglich gegen Verbildlichungen” gewesen sind.
Obwohl in den soziologischen Beobachtungen, wie in der Potsdamer Platzgeschichte (§ 1.2.1) oder in den treffenden Bemerkungen, wie ein Wettbewerb wie für das Barcelonapavillon eine ganz neue Praxisstruktur der jüngeren kleinen Büros ‘am Rande’ unverschämt ausnutzt (§ 2.4), fast eine kritisch-paranoide Narrativität à la Rem Koolhaas praktisiert wird, bleibt die Analyse von Objekten, wie Bildern oder eben auch dem Aufsatz über ‘Andere Räume’ von Michel Foucault, skizzenhaft. Die Bemerkung über Foucault, “aus heutiger Sicht kommt man nicht daran vorbei, bei Fragen nach dem ‘Anderen’ auch die Frage nach dem Subjekt zu stellen” (§ 4.2), hätte Ausgangspunkt der Lektüre sein können, statt eine Schlußfolgerung zu sein, welche nicht volkommener politisch korrekt formuliert hätte werden können.
Die Transparenz des Projektes mit dem Titel “per me able” (§ 6.4.1) könnte ein Wahrzeichen sein für alle Arbeiten der beiden Transbüros und anderer, wie Fat, Muf oder Le K, die Verwandtschaft mit welchen sehr präzis beschrieben wird (§ 6.2.1). Daß es um Postpunk geht ist einfach eine soziologische Feststellung und kein Programm! Die Dissertation versucht die diskursive Ebene der Projekte dadurch zu verstärken, daß objektbezogene Grundbegriffe – eigentlich Kategorien – wie Raum, Ort und Nicht-Ort aus postphänomenologischen Theorien herangeführt werden. Der Kontext, worin kontextuell gehandelt wird, soll merkwürdigerweise “kohärent” sein: “es muß auch ein kohärenter Sprachkontext aufgebaut werden, um einen Begriff im eigenen Diskurs als Werkzeug gebrauchen zu können” (Kap. 2). Daß die Wirklichkeit, wenn in ihr kontextuell gehandelt wird, an sich keine Kohärenz zugemutet werden kann, wird deshalb im Weiteren nicht diskutiert, weil sie auf praktische “Handlungsräume” reduziert wird, das heißt, statt nicht-objektbezogen – philosophisch, würde ich sagen – immer schon objektbezogen gedacht wird, wenn auch dieses Objekt vielleicht noch nicht da oder, wie Gilles Deleuzes erwähntes Objekt=x, virtuell ist. “Handlungsräume” sind solche für “ein Denken, in dem Handlungen gleichzeitig stattfinden können” (§ 2.1). “Konzeptuelles” Denken impliziert in dem Sinne, daß der Widerspruch zwischen Architektur und Sprache aufgehoben ist (§ 2.2). Daß dabei zwar nach Peter Eisenman, Greg Lynn und Michael Speaks verwiesen wird, das hier zutreffende Begriff des Diagramms aber nicht erwähnt wird, ist bedauerlich. Es werden eigentlich überhaupt keine prozedurellen, organisatorischen, moralischen oder ethischen Kategorien angeführt, nur, wie gesagt, andeutende wie Raum und Ort: “[Raum] besteht quasi als eine Summe von Einzelhandlungen” (§ 3.1.1). Warum aber, umgekehrt, eine Summe von Handlungen noch quasi Raum sein muß, wird nirgendwo belegt.
Um aber die neue, empirische und offene Verfahrensweise der jüngeren Architekturbüros, welche meiner Meinung nach mehr durch Rem Koolhaas als aus einer Genealogie mit den Situationnisten gekommen ist, auf theoretische Grundlage als wissenschaftliches Paradigma zu verstehen und zu definieren, statt die im Architekturdiskurs übliche private Poetik aus Metaphern zu üben, ist wirklich ein Beitrag zum Fachbereich.


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koolhaas rem 1990s

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