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Herzog deMeuron, Elbphilharmonie, Hamburg, 2004-2011.

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Posted 23 Jun 2010

Joost Meuwissen, Review von Hans-Hermann Albers, Corporate Urban Responsibility. Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen in der Stadtentwicklung (Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2011).

Corporate Urban Responsibility

Joost Meuwissen

Das Buch befasst sich mit der Auseinandersetzung zwischen Öffentlichkeit und Wirtschaftsbereich mit Bezug auf die Planung oder Projektentwicklung, im Besonderen verlegt auf Bau und Städtebau im deutschsprachigen Raum, und dieses vor Allem in neuester Zeit. Dazu bietet es eine umfassende, ausgedehnt dokumentierte und beschreibende Übersicht, die im engeren Fachbereich der Architektur und des Städtebaus willkommen sein kann.
Nach einer historischen und theoretischen Einführung über die mögliche, tatsächliche oder erwünschte gesellschaftliche (nicht nur soziale, sondern auch ökonomische und umweltbezogene) Wechselwirkung zwischen Privatem und Öffentlichem im 1. und 2. Kapitel, letzteres auf hauptsächlich soziologische, teils amerikanische, teils deutsch-europäische Fachliteratur basiert, wobei der Verantwortungsunterschied der beiden Kulturtraditionen nicht aus den Augen gelassen wird, katalogisiert ein 3. Kapitel die bestehenden “CSR [Corporate Social Responsibility, J.M.] – Instrumente” je nach Aufkommen, rechtlicher Lage und Möglichkeiten, wobei leider Künstler- und Bürgerinitiativen, welche im Gange nicht nur von der öffentlichen Hand unterstützt worden sind, wie zum Beispiel die Magdeburger Freilichtbibliothek der KARO-Architekten oder sogar das doch erwähnte große Projekt der schrumpfende Städte, ausser Acht gelassen werden, vermutlich weil sie zu wenig formal, zu kleinmaßstäblich, zerstreut, zeitlich beschränkt oder zu unterschiedlich organisiert worden sind, um in dem Sinne klassifiziert zu werden. Trotzdem wäre vielleicht irgendeine hilflose Betreuung einer Schrumpfungsprozesses für die Aufzählung der privat-öffentlichen Planungsmöglichkeiten aufschlußreicher gewesen als das vielfache Scheitern der Wolfsburg AG bei ihren letzten Schritten zum Wachstum. Eine randomisiertere Recherche hätte zu einer feinkörnigeren Kategorisierung der CSR-Instrumente führen können.
Dies würde vor Allem für jene Bereiche wie die ost- und nichteuropäischen Nationen zutreffen, wo eine herkömmliche gesellschaftliche Mittelschicht zwischen Privatheit und Öffentlichkeit keine praktische Tradition aufweist. Stiftungen gebe es zum Beispiel nur wenige in der ehemaligen DDR durch “die damalige Verhinderung bürgergesellschaftlicher Strukturen aber auch das Abwandern von Stiftungen in westdeutsche Gebiete” (S. 120), letzteren vor Allem auch, weil im Westen eine Stiftung öfters rein kaufmännische, aber dennoch als “gemeinnützig” vorgeführte Ziele der Unternehmen abdeckt, ein Verfahren, das dort allgemein akzeptiert zu werden scheint, wenn auch oder eben aber gerade deshalb, weil offensichtlich dabei das grundlegende Verdienst daran geschätzt wird, dass es in den öffentlichen Medien in der Hinsicht kritisiert werden kann, und wird, eine Art Beruhigung, welche ebenfalls in der Dissertation mehrmals mit vorgespielt wird. Dieser im Westen selbstverständliche und übliche Betrug oder Mißbrauch hätte innerhalb der Kategorisierung der CSR-Instrumente als intrinsiker Klassifizierungsparameter jedoch mitgenommen worden sein können.
Dann wundert es nicht, dass die aufgrund der Klassifikation empirisch breit beschriebenen Fallbeispiele alle im Westen vorgefunden werden: im 4. Kapitel der Fall Wolfsburg, im 5. Kapitel ein Hamburger Unternehmen, das hinter der Maske einer Stiftung namens Lebendige Stadt große innenstädtische Einkaufszentren propagiert und verwirklicht, und im 6. Kapitel die Stiftung Elbphilharmonie für ein isoliertes, von teuerem Appartementenbau bekleidetes und dadurch vielleicht ermöglichtes Konzerthaus im Hamburger Hafen. Ausgezeichnet dargestellt wird die Werbungs-, Wahrzeichen- und Macherrhetorik solcher Planung, welche keine alternativen, städtebaulichen oder wenigstens architekturkritischen Überlegungen zulässt. Die wiederholte Behauptung der Beteiligten, dass sonst gar nichts passiert wäre, soll rechtfertigen, dass es Alles schrecklich aussieht. Es werden Experten, nicht aber ihre inhaltlichen Erkenntnisse eingebracht. Wie großmaßstäblich die ausgelesenen Planungsverfahren auch sein mögen, in der Dissertation werden daraus mit Recht keine allgemeinen Folgerungen für die Entwicklungen im Fachbereich gezogen. Zwar werden Repräsentation und repräsentierter “realer” Stadtraum in ihrem gegenseitigen Verhältnis mit einer Ahnung von “Herrschaftsarchitektur” (S. 295) verbunden, bleibt doch die Frage, welche Realität beschrieben worden ist.

Methode.
Während die Unternehmensverantwortlichkeit mit Bezug auf die Stadt (“urban”) im Haupttitel der Dissertation erst im abschliessenden 8.
Kapitel namhaft gemacht wird, allerdings auf normative, den Verhaltensweisen im engeren Fachbereich dienende Weise, beschäftigen die vorangehenden Kapitel sich hauptsächlich mit der im Untertitel erwähnten gesellschaftlichen (“social”) Verantwortlichkeit. Aufgrund der Tatsache, dass eine kohärente und paradigmatische Planungstheorie nach den Ansätzen dazu in den siebziger Jahren sich später nur mühsam mehr entwickelt hat, kann sie heute auch nicht systematisch abgehandelt, und ihre Verfügbarkeit nur angedeutet werden. Zwar wird festgestellt, dass “neue Möglichkeiten und Räume (...) von der Planungstheorie erschlossen werden” (S. 406), auch aber, dass “die herausgebildeten neuen Handlungs- und Möglichkeitsräume (...) mit einer Wiederbelebung der Planungstheorie (...)” zusammenhängen (S. 389). Zu solcher Wiederbelebung kann die Dissertation wie eine vorbereitende, jedoch grundlegende und wohltemperierte Analyse einer Reihe von Fallbeispielen, sowohl aus der Theorie wie aus der Praxis, gelesen werden, welche etwa auf der fast vergeblichen Suche nach ihrer Kategorisierung im Rahmen einer noch auszuformulierenden Planungstheorie verstanden werden kann. So klingt in der Dissertation öfters die Klage, die Beschreibung einer Theorie oder die Darstellung eines Fallbeispiels führe nicht zu einer klaren “Definition” des Abgehandelten. Ja natürlich nicht: dazu fehlt eine zugrunde liegende Planungstheorie.
Somit bleibt die Analyse beschreibend innerhalb einer soziologisch-historischen Perspektive, mit deren theoretischen Grundlage die Dissertation sich weiter nicht beschäftigt.
In der ständig lebendigen Beschreibung eines Fallbeispiels stehen die Planungsbeteiligten als “Akteure” im Vordergrund vor einem zu planenden Objekt oder einer bestehenden Stadt als noch zu bestimmender Kulisse, wobei die Schauspielmetapher mehrmals auch ausdrücklich erwähnt wird. Die Akteure sind wirklich da, denn sie haben websites, welche bald mit bald ohne Datum zitiert werden. (Im Quellennachweis erscheinen sie aber nicht datiert, was meiner Meinung nach im Hinblick auf ihre dauerhafte Verfügbarkeit international nicht vertretbar ist.) Wie personifiziert aber die Handlungen, um so unklarer bleiben Stadt und Planungsgegenstand, wie etwa die Hamburger Elbphilharmonie, in ihrer offensichtlich evidenten Anwesenheit als gleichbleibende Grundmetaphern innerhalb einer narrativen Struktur, welche denzuwider gerade von ihren laufenden Änderungen erzählen möchte, was letztendlich gipfelt in eine Definition von einem Objekt = x, einer Idee, welche nur aufgrund einer normativen Umgang mit derselben attributiv umkreist werden kann. Es wird Stadt in ihrer Ganzheit zuerst adjektivisch als “Urbanität” angewiesen, jene darauf in der Reihe dann ordnungsgemäß, auch aber auf ziemlich banale Weise politisch korrekt gedeutet: “... was Urbanität ausmacht – etwa der Begegnung mit dem unbekannten Fremden oder spontanen Begegnungen Bekannter” (S. 399), wobei die Zweistufigkeit eines solchen Versuches zur Bestimmung einer Grundmetapher weiter auf theoretischer Ebene nicht thematisiert wird. Ausserdem hätte, ob nun auf Der antike Staat von Fustel de Coulanges 1864 oder auf Henri Pirennes Stadt und Handel im Mittelalter 1925 zurückgegriffen worden wäre, eine Definition von Stadt als Ort der Isolierung, Ausschliessung und Nichtbegegnung, wenn auch gleichfalls anfechtbar, vielleicht mehr eingebracht.


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koolhaas rem 1990s

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