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Joost Meuwissen, Swift Density, drawing for the Shrinking Cities competition, ball pen on paper, 2004.
© Joost Meuwissen Architect.
Joost Meuwissen, Planning Declaration, ball pen on paper, 1999.
© Joost Meuwissen Architect.
Joost Meuwissen, Proposal for how to rebuild the Prussian Royal Palace at Berlin again, 2005, initial sketch, ball pen on paper, 2005.
© Joost Meuwissen Architect.
Rabin Square at Tel Aviv, with the Holocaust Memorial by Yigal Tumerkin, around 2004.
© Photograph by Gili_S.
Joost Meuwissen, Mathew Aitchison, and Nullmaschine (Sonia Leimer, Maik Perfahl, and Roland Ritter), winning entry for the Rabin Square Design Competition, Tel Aviv, 2001-2002.
© Joost Meuwissen Architect and Nullmaschine.

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Posted 01 Dec 2010

Joost Meuwissen, ‘Städtebau als Meta-Methode’, Meta-Methoden in der (Post-)Moderne. “On Synthesis in Architecture and Urbanism”, Konzept und Organisation Susan Kraupp, TU Graz, kommentiert und geleitet von Andreas Ruby, am 9. November 2010 in der Generali Foundation, Wien.

Städtebau als Meta-Methode. Kurzfassung

Joost Meuwissen

Weil Meta-Methoden sich mit Methoden befassen, das heiβt mit Methoden mit einem gewissen Thema und irgendeiner theoretischen Begründung, welche nicht gegenstandslos sind und im Falle eines Paradigmenwechsels mit einer Krise des jeweiligen Gegenstandes rechnen müssen, wobei dadurch, daβ in den jeweils zugrundeliegenden Theorien letzterer als real aufgefasst wird, der Gegenstand an sich nicht unbedingt das hemmende erkenntnistheoretische Hindernis sein muβ, brauchen die Metamethoden dann in der Reihe gegenstandslos zu sein; nicht um im Sinne eines Postmodernismus wie beim Rorty oder Baudrillard die Wirklichkeit zu verneinen zugunsten einer simulakrumartigen oder digitalen Welt, sondern um die jeweilige Wirklichkeitsbegründung verstehen, begreifen und ändern zu können. In dem Sinne können oder sollen die Meta-Methoden kategorisierend wirken, was genau das ist, was in der heutigen Lage einer offensichtlich hemmungslosen und unbegrenzten, ständig aber von ungewollten Faktoren eingeschränkten Datenverarbeitung, wie im Parametrismus, gebraucht wird.
Mag laut Freud das Vergessen eine Kraft sein, eine jemalige Vergessenheit aber wie die ehemalige Apotheke am Berliner Schlossplatz kann zugleich jedoch die Idee bilden, entlang welcher das Schloss – jedes Schloss – über eine Art Aufhebung der Zeit am Platz wiedererrichtet werden kann[1].
Der Städtebau ist einfach und nicht komplex, weil die verschiedenen Parameter, welche in einem solchen Planungsprozess hineinfliessen und auftreten, es niemals gleichzeitig tun, sondern in einem unzusammenhängenden Nach- und Nebeneinander. Werden Raum und Zeit dagegen als nun einmal bestehende Grundkategorie verwendet, entsteht eine nichts hervorbringende Verwickeltheit, ein Schein einer meistens als nun einmal alltäglich betrachtete Kompliziertheit, deren Vernunft nur aus einer Entfremdung und nicht aus der Bekanntschaft mitderen aufgespürt werden kann. Stehen zwei Denkmäler nebeneinander, welche ja oder nicht zur gleichen Zeit errichtet worden waren, brauchen sie miteinander nichts zu tun zu haben. Sie brauchen voneinander nicht zu wissen. Die Denkmaldichte einer Stadt ist ein leeres Feld innerhalb ihrer symbolischen und keineswegs bildhaften Struktur[2]. Wesentlich für ein Denkmal ist, daβ es zwar ein Bild ist, das fort-da davongedacht werden kann, während das, woran es mahnt, sich dadurch nicht wegdenken lässt. Zwei Denkmäler auf dem gleichen Platz aber haben eine solche Kraft der Einbildung nicht mehr gemeinsam; sie bilden eine symbolische Struktur. Sie zu entfernen, während sie noch immer da sind, vergröβert nur die Fläche des Platzes innerhalb der symbolischen Struktur von der Denkmaldichte, nicht von der Platzfläche, weil von der Bruttodenkmalfläche her betrachtet, etwaige übrige flächendeckende Nutzungen, wie die Verkehrswege, nur zufällig sein können. Wie 2001 beim Rabinplatz in Tel Aviv auf Wunsch, wäre eine solche gedanklich metonymische Verschiebung oder Ausweichung eine Meta-Methode zur Vergröβerung jedes Platzes.

Erhabenes
Ich verstehe eine Meta-Methode als eine Methode ohne Objekt- oder Gegenstandsbestimmung, ohne Grundkategorie, d.h. in diesem Fall den Städtebau ohne Stadt, ohne Raum, ohne Natur, ohne Bodenfläche und ohne Geometrie, ohne jegliche phänomenologische oder naturalistische Bestimmung, jedoch auch ohne Erhabenheit. Aus solcher Sicht sieht man jede bestehende städtebauliche Theorie daran scheitern, dass ständig, auf irgendeine Weise, eine naturalistische Bestimmung oder Begründung hineinkriecht, welche folglich hemmt, das heiβt ein erkenntnistheoretisches Hindernis bildet. Das trifft für alle bestehenden Theorien oder Annäherungsweisen zu, mit Ausnahme von der Giorgio Grassis, die Schwierigkeit dann aber ist, wie der immer nachlässende Einfluβ Grassis zu verstehen wäre. Seine Logik des architektonischen Handbuches ist Meta-Methode. Offensichtlich sind die Konsequenzen nicht gezogen worden.
Wird aufgelistet, worauf eine Meta-methode an und für sich im Rahmen des Städtebaus zuerst verzichten muss, um die jeweiligen realitätsbezogenen Begründungen und Konzepte in ihrer möglichen Änderung beschreiben und verstehen zu können, bleibt am Ende meistens das Erhabene übrig, als letztes erkenntnistheoretische Hindernis.
Es folgt, wie Rem Koolhaas es als Entwurfsmethode angedeutet hat, aus einer “Kultivierung der Allergien”, was in der Reihe wie eine Variante oder Anwendung Bachelards Philosophie des Neins gelten kann: eine Wohnung mit keinen Palmen, mit keinem Schwimmbad, ein Platz mit keinem Denkmal usw. Am Ende solcher Vollziehungsspur steht nicht umsonst das Erhabene, weil es mit dem Unvorstellbaren rechnet. Es ist die letzte Rettungsboje jeder Theorie des Neins im Fachbereich. 1994 in Rems Aufsatz ‘Bigness’ in dessen Buch S.M.L.XL. heisst es, der ausschliessliche Grund, um den Berg zu besteigen, ist, dass er da ist – reines Erhabene[3]. Dazu wäre meine Entwurfsmethode: es ist schon da. It´s already there. Es braucht sich nichts zu ändern. (Wenn der Berg schon da ist, braucht man ihn nicht zu besteigen. Man kann ihn besteigen, muss ihn dazu aber erst noch aufspüren und dazu braucht man die Aufspürungskategorien.) Das Erhabene wird von mir als Wiederholung und nicht als Differenz aufgefasst[4]. Das Stadt-aus-Inseln-konzept, das Oswald Mathias Ungers in den 1970er Jahren in einem Workshop gemeinsam mit Rem Koolhaas und Hans Kollhoff bearbeitet hat, und das sich von der Stadt-aus-wahrgenommenen-und-gelebten-Inseln der Situationnisten dadurch unterschied, dass die ungerschen Inseln keinem Zufall und daher keine malerische Belebung unterlagen, war eigentlich auch schon ganz meta-methodisch formuliert worden. Die Inseln seien keine Punkte innerhalb einer bestimmten Stadt mit einem bestimmten Gesamtcharakter, sondern Fetzen von anderen Städten, wie das spätere Manhattangrid im Rems Paris-la-Défense.
Mithin können die städtebaulichen Theorien der letzten 50 Jahren darauf überprüft werden, inwieweit sie meta-methodisch die naturalistische Begründung der vorher undifferenzierten Grundkategorien Raum und Zeit gebrochen haben. Ein erster Weg dazu führt über Colin Rowes Transparenz bis zu den disparaten Raumschichten 1982 im Villettepark von Rem Koolhaas; ein zweiter zerbrecht ab der koolhaasischen Punkstadt 1993 den Raum durch die schon erwähnte Affirmation der Dichte. Zusammen wären beide zusätzlich eine Antwort zur Stilfrage im heutigen Parametrismus.

[1]  Joost Meuwissen, ‘The Pharmacy’, Monu magazine on urbanism #03 July 2005 (Kassel: University of Kassel Department of Architecture, Townplanning, Landscapeplanning, Faculty: Entwerfen im städtebaulichen Kontext, Urban Architectural Studies UAS, Prof. Wolfgang Schulze, 2005), 50-54.

[2]  Gilles Deleuze, Woran erkennt man den Strukturalismus (Berlin: Merve Verlag, 1992), 41-53.

[3]  Office for Metropolitan Architecture. Rem Koolhaas and Bruce Mau, Small, Medium, Large, Extra-Large. Edited by Jennifer Sigler. Photography by Hans Werlemann (Rotterdam: 010 Publishers; New York: The Monacelli Press, 1995), 495.

[4]  Joost Meuwissen, ‘Sechs unter einem Tennisplatz’, UmBau 15/16 (Wien: Österreichischer Wirtschaftsverlag, 1997), 113.


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koolhaas rem 1990s

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