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Mike Ramsauer, Lammerland, 2010.
© Courtesy of Mike Ramsauer.

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Posted 20 Nov 2008

´Alpensymphonie´, Alpinresort Enns-Pongau. Nachhaltige Entwicklungsstrategien des ländliches Raums im interkulturellen Fokus. 3. Transalpines Architekturlabor März-November 2008. Radstadt / Graz / Wien. Mukwonago / Milwaukee (Radstadt/Wien: KMT/n-o-m-a-d, 2008), 16-21.

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Alpensymphonie

Joost Meuwissen

Eine Region entwickelt sich, entweder nach vorne oder rückgängig, oder sogar im Ruhestand. Wenn die Leute hier mit den Änderungen, welche entweder stattfinden oder nicht stattfinden, wie etwa eine oder keine neue Autobahn oder eine Schrumpfung der Bevölkerung, nicht zufrieden sind, kommt die Frage auf, wie solche Entwicklung, jede Entwicklung, gesteuert werden kann. Zu einer durchzuführenden Regionalplanung fehlen aber etwaige gesetzlich festgelegten Instrumente, mit dem Ergebnis, dass sie nur punktgemäss, nicht flächendeckend, von privaten Initiativen, sei es vom Land oder den Gemeinden, von den Bürgern und Bürgerinnnen, Privatunternehmen oder Architektierenden mit ihren Ideen umgesetzt werden kann. Wie diagnostizierend oder beratend die vom Bund und Land subventionierten Instanzen und Vereine wie Örok oder Opul auch sein mögen, letztendlich werden fast alle Entscheidungen, warum es geht, in den Gemeinden getroffen.

Gemeinden.
Eine regionale Initiative, welche von mehreren Gemeinden unterstützt wird, scheitert meistens daran, dass eine richtige Rechtsform fehlt, die Gemeinden sich wie Privatpartner zueinander verhalten müssen, und über die eigentliche Planung in jeder einzelnen Gemeinde nicht formal entscheiden können, weil der eine Gemeinderat über den Teil des Plans in der Nachbargemeinde nicht zuständig sein kann. Wenn auch die verschiedenen Kleinstädte und Dörfer in der Region sich politisch zur Errichtung von etwa einem Ballungs- oder Konferenzzentrum oder sogar einem ökologischen und historischen Landschaftsmuseum einigen könnten, damit irgendwo innerhalb der Region ein identitätsstiftendes Zentrum entstehe, mit den bestehenden Siedlungen in der Weite ringsumher, noch unabhängig davon, wo genau es liegen würde, fehlt eine kritische Masse an Nahversorgungseinheiten, wie dagegen zum Beispiel die Stadt Salzburg sie schon hat. Gäste bedürfen Wahlmöglichkeiten in der unmittelbaren Nähe. Die Infrastruktur des Tourismus genügt da nicht, weil sie sich ziemlich dezentriert über die ganze Landschaft zerstreut hat.
Aufgrund privater Initiativen könnte jede Gemeinde irgendwo in ihrem eigenen Bereich gefällig ein grosses Einkaufszentrum realisieren lassen, was mit den dazugehörigen Parkflächen das Bild der Gesamtlandschaft gefährden würde, wenn auch wie heute üblich es nicht neusachlich, sondern wie ein kleines historisches Städtchen mit Strassen und Plätzchen, nach Aussen wie eine verkleinerte radstädter Festung aussehend, ausgeführt werden würde. Das damit zusammenhängende Verkehrsaufkommen in den Nachbargemeinden würde aber die Idee, mal noch eine gemeinsame Regionalplanung veranstalten zu wollen, nicht näher bringen, während die Gemeinden sich gerade in dem Sinne besser spezialisieren sollen, deshalb darüber reden, denn ein grosses Einkaufszentrum in jeder Gemeinde würde wegen der geringen Dichte der Region nicht funktionieren, und deshalb auch nicht realisiert werden können. Nachdem ausserdem die historisch wichtige “alpine Architektur” des Modernismus heute meistens, einige Ausnahmen dargelassen, nur noch als Vorwurf für die Errichtung von mediokren Riesenkisten angewandt wird, wäre es deshalb in der Planung jedoch jedenfalls besser, die Einkaufszentren entlang der Autobahn zu situieren, wobei für eine richtige Einbindung in der Landschaft auch in jenem Fall der historische Stil eines Festungchen aus organischen Baumaterialien, welche optisch in ihren Hintergrund verschwinden, die bessere Lösung.    

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Gemeindeüberschreitende Eingriffe wie die Autobahn oder der Wasserhaushalt werden meistens von übergeordneten Instanzen technisch und monofunktionell organisiert, ohne dass die Landschaftsgestaltung ein Hauptziel sein muss, wobei mittlerweile nur gehofft werden kann, dass sie die Landschaft nicht allzusehr gefährden und, wie die Autobahn im Enns-Pongau, ziemlich gut eingebettet sind. Letzteres wäre für eine Ost-West Autobahn, welche Altenmarkt und Radstadt mit der beim Selzthal verbinden würde, viel schwieriger, weil die Länge einer Autobahn innerhalb der Länge eines schönen langen Tals fast niemals gut gelöst werden kann, und auch fast nie gelöst wurde, was mithin die räumlichen Entwicklungen im Inn- und Rhonetal zeigen. Statt eine Ferne oder eine ferne Bestimmung darzustellen verkümmern solche Tale durch die Autobahn zu einer Art Kanalisation. Sie werden sozusagen als Hülle mit an der Autobahn angehängt. Bei der Eisenbahn ist das weniger der Fall, aber letztere trägt auch weniger zur Entwicklung bei.
Nachdem die Vorhaben des Landes oder die sich vermehrenden Richtlinien der europäischen Union meistens nicht spezifisch für eine solche einzelne Region ausgearbeitet worden sind, nehmen sie in der Umsetzung öfters die Form von Restriktionen an. So wird eine Planung in Gang gebracht, welche Entwicklungen eher verhindert als ermöglicht. Die Vogel- oder Feinstoffrichtlinie der Union unterstellt zum Beispiel, dass wenn ein Haus in einem angewiesenen Vogelgebiet gebaut wird, an einer anderen Stelle in einem ebenfalls dazu angewiesenen Vogelgebiet ein gleich grosses Areal an die Vögel zurückgegeben werden soll. Vom Gesichtspunkt einer Planung her bedeutet es, dass für einen Hausbau immer zwei Grundstücke statt eins gebraucht werden, das eine um das neue Haus zu bauen und das zweite um ein altes abbrechen zu können. Es macht jede Bauvorbereitung komplizierter als sie war. Mit dem Feinstoff passiert in den städtischen Bereichen das Gleiche: eine hinzugefügte Strasse impliziert, dass eine andere, bestehende Strasse für das Verkehr geschlossen werden muss. Anstelle einer Planung der Freiheit, welche Initiativen ermöglicht, tritt so allmählich eine Planung der Sicherheit, welche jegliche Entwicklungen, wenn auch geplant und von allen Beteiligten genehmigt, schwierig macht. Das heisst aber nicht, dass eine solche restriktive Planung nicht konstruktiv genutzt werden kann. Die Frage ist nur wie und was dazu von wem an vorbereitender Arbeit geleistet werden muss. Ähnliches trifft für die Landschaftsarchitektur zu.
Während eine Auffassung der Landschaft als möglichst reine von lieben Bauernden sorgsam quasi unhistorisch gepflegten Natur beim Publikum und sogar bei den meisten Architektierenden vorherrscht und auch die Tourismusbilder prägt, war das Fachbereich der Landschaftsarchitektur an sich eher technisch-ökologisch orientiert – in Österreich ist das Fach sogar synonym mit der Landschaftspflege gewesen. Sie betrachtet die Landschaft zwar in ihrem komplizierten Zusammenhang, obwohl in ihren Entwürfen die Landschaften meistens einfache sind oder Ästhetisierungen von einseitigen Techniken oder Teilbereichen aufzeigen. Obwohl im Fachbereich die “romantische” Publikumsnostalgie vielfach daran kritisiert wird, daß dadurch Probleme wie die

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drohende Wiederbewaldung verneint werden, konnte die Landschaftsarchitektur immer bei der rein positiven Wertschaffung jener Nostalgie anknüpfen, um ästhetisch völlig einseitige Landschaftsbilder akzeptiert zu bekommen, welche sonst nicht akzeptiert sein würden, eben weil sie die Landschaften nicht in ihrer Kompliziertheit darstellten und sowohl aus der Sicht des Städtebaus als aus der Sicht der eigenen Aufgabe fast dilettantisch, immer ästhetisch zu dünn, erschienen. So verbrachte man Anfang achtziger Jahren an der Landwirtschaftsuniversität Wageningen in den Niederlanden die Mehrzeit der Zeit mit dem technischen Problem, wie Hochspannungsleitungen durch entspannene Kurven statt entlang eckigen Linien durch eine Landschaft geführt werden, das heißt solche Landschaften teilnehmerhaft bilden oder mitbilden statt sie nur als Fremdkörper durchschneiden konnten. Fragt man aber der Bevölkerung, werden die Hochspannungsleitungen noch immer nicht oder durchaus nicht wie ein Bestandteil der Landschaft und des Landschaftsbildes wahrgenommen. Meistens werden sie überhaupt nicht gesehen. Im Bild verstecken sie sich. Die Landschaft is schön ohne.

Differenzierung.
Nun muss aber eine neue Funktion, die geplant ist oder sogar realisiert worden ist ohne wirklich wahrgenommen zu werden, an einem Standort, wo es diese Funktion zuvor nicht gab, nicht unbedingt ein differenzierendes Element darstellen, durch das die betreffende Gegend weiter charakterisiert werden wird. Ein Einkaufszentrum, das an die Infrastruktur einer Autobahn angebunden ist, differenziert beispielsweise nicht per se die Autobahn, sondern nutzt die Autobahn lediglich als Möglichkeit. Die Differenzierung ist innerhalb der Autobahn gegeben. Es ist die Autobahn, die dann die Gegend charakterisiert. Die Differenzierung muß in der Autobahn gesehen werden. In diesem Fall bewirkt das Neue keine Differenzierung des Bestehenden. Das Bestehende enthält die Differenzierung, die eine Entwicklung ermöglicht. Was daraus folgt, könnte eine empirische Planung sein, die nicht kategorisch zwischem dem Neuen und dem Bestehenden unterscheidet. Dies ist insbesondere wichtig für die vielen Gegenden oder Kleinstädte, die nicht von sich aus einen Zugang zur Global City haben, die durch Null-Wachstum gekennzeichnet sind oder unter wirtschaftlicher Depression leiden. Eine Analyse - vor allem eine ästhetische Analyse - des Bestehenden bezüglich seiner Bildung, seiner Geschichte oder seiner Organisationstiefe bietet, sogar wenn dieses Bestehende an die neutralsten Muster oder geometrischen Pläne gebunden ist, die Möglichkeit, seine Differenzierungen oder transzendentalen Momente zu entdecken. Das heisst, dass die Bestandsanalyse am Wichtigsten ist und sogar mit einer Wunsch- oder Traumplanung identisch sein kann.
Aber kann ein Bestand an sich immer schon als Wunschbild betrachtet werden? Lieben wir die Landschaft? Dann wäre eine Planungs- und Entwurfsmethode, welche das Neue nicht gegenüber, neben oder nach dem Alten, sondern als reine innere Differenzierung des Alten, als dessen Möglichkeit, darstellt, in dem Sinne zeitgemäß, weil das Alte durch solche Planung aufgewertet wird statt schlimmer Gegenstand zur Verbesserung zu sein. Das heißt gerade, daß zwischen Bestand und Entwicklung eine viel engere Beziehung organisiert wird als in der üblichen Verbesserungsplanung, welche im

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Bestand lediglich zu lösende Probleme, zu heilende Krankheiten und zu beseitigende Defizite signalisiert und ihn somit diffamiert.
Ich habe diese neue Methode mal “it’s already there” (ist schon da) genannt. Der Vorteil wäre, daß auch die restriktiven oder sogar negativen Bestandteile eines Areals, wie die armen Hochspannungsleitungen oder die leider zu häufig und zu geschwindig befahrenen Straßen, auf diese Weise ohne jeglicher Voreingenommenheit zuerst aufgewertet werden und sozusagen neutral in die Planung aufgenommen werden können, als nun einmal anwesende Merkmale, welche sich entwickeln können, das heißt, sich auch in positive Richtung entwickeln und einen rein positiven Beitrag an die Planung bilden könnten. Sogar Planungsrestriktionen wie Sicherheitszonen und dergleichen könnten auf diese Weise, wie gesagt, als reflexiver Landschaftserhaltung und Landschaftsweiterverarbeitung statt als Entwicklungsunmöglichkeit aufgefasst werden.

Enns-Pongau.
Es ist hier überall schön. Nur Wenige zweifeln daran. Es ist aber auch zu allgemein schön, und eben deshalb ist es so schön. Enns-Pongau ist schön in der Allgemeinheit. Ob jedoch diese Schönheit im Sinne Immanuel Kants uneigennützigen Wohlgefallens oder aber in der Breite der von der Land-, sehr teilweise auch Forstwirtschaft gestalteten Landschaft als einer im Kants Sinne komplizierten Natur betrachtet wird, ob die Landschaft schön ist oder verwickelt erhaben, in beiden Fällen ist der Blick in die Landschaft eine Aussicht, und wird die Landschaft von aussen her betrachtet, wie genussvoll oder ängstlich sie auch sein kann. Ob man drinnen oder draussen ist, der Blick in die Landschaft als Ganzheit bleibt naturalistisch. Für die spezifische Thematik einer Regionalplanung ist sie in ihrer Komplettheit gleichmässig verfügbar, und fast so leer wie die Tabula rasa des Modernismus, sei es ausgefüllt mit Landwirtschaft und Tourismus. Trotzdem kann geistigerweise aufgrund der leeren Betrachtung eine Obsession entstehen, sei es die Gedanke privat einen Supermarkt zu eröffnen oder privat durch die Gegend zu gehen. Es sind die versteckten Möglichkeiten. Die Landschaftsbetrachtung ruft nicht nur Obessionen auf, für eine Entwicklungsplanung werden sie auch gebraucht. So bald es um Spezifisches geht, gibt es von der Planungsmethode her keinen Unterschied zwischen den Supermarkt und den Wanderer. Derart erscheint dann die Landschaft, um eine völlig einseitige Idee ponieren zu können, ohne jegliches Verhältnis zur Vielfalt oder zur thematischen Breite der Wirklichkeit. Das Gebiet ist nicht leer um in der Reihe ausgefüllt werden zu können; es ist leer, damit in der Darstellung nicht Alles vertreten zu sein braucht. Das ist eine Umkehrung, welche für die Planungsmöglichkeit stattfinden soll. Es ist nicht die Leere, welche zu Obsessionen führen kann. Es ist die Obsession, die in der Darstellung eine Leere an dem Moment produziert, wenn sie einen Teil der Wirklichkeit, die sie darstellt, nicht organisiert oder nicht organisieren möchte. In der Darstellung wird aus Programm Diagramm, das heißt ein Organisationsschema, das nicht die ganze Wirklichkeit, nur einen Teil davon organisiert. Je einseitiger die Idee, je weniger Wirklichkeit in der Darstellung der Wirklichkeit dargestellt zu werden braucht. Warum diese Schwierigkeit gerade in der Planung der Landschaft eine Rolle spielt und zum Beispiel nicht in der Kunst oder der

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Architektur hat offensichtlich damit zu tun, daß die Landschaftsvorstellung, weil sie gerade eine Ganzheit darstellt, nicht auf einen naturalistischen Totalitätsanspruch bezüglich der Wirklichkeit und derer Bedeutungen verzichten kann, so bald solche Vision eine reine Parzellierung aus Wiesen, Bauernhöfen, Strassen, Siedlungen und Kleinstädten überstiegen hat, was im Grunde genommen, könnte man fast phänomenologisch behaupten, immer der Fall gewesen sein muß, weil eine Vision auch dann bleibt, wenn man versucht sie los zu werden oder sie eben nicht zu haben.
Zur Entwicklung der Region soll das Individuelle geprägt werden, sei es die Privatinitiative eines Supermarkt, einer Tankstelle oder die Privatinitiative zum Wandern, Spazieren oder sogar Schilaufen. Das Alles könnte wie eine Intensität aufgefasst werden, deren möglichen Ausübung sich in der Landschaft versteckt hält. Das nicht nur rein rehtorische Thema für die Regionalplanung wäre dann eigentlich, was sich in einer Landschaft, irgendeiner Landschaft wie dieser, verstecken kann. Kurz: wie soll die Landschaft sein, worin man flüchten kann? Lang: wo liegt dann die Entwicklungsmöglichkeit der gleichen Landschaft? Es geht dabei nicht um eine Verschwindungsmöglichkeit wie es in die Anonymität der grossen Städten gibt, sondern umgekehrt um die mögliche Schaffung eines Abstands, eine Pflege der Persönlichkeit oder eines Ladens aus einer Distanz von irgendwo, wie Marguerite Yourcenar auf ihrer Mount Desert Insel vor der Küste von Maine, Martin Heidegger in seiner schwarzwalder Berghütte, oder Friedrich Nietzsche in Sils Maria, dort, wo der grosse Philosoph sich, Theodor Adorno zufolge, “versteckte” und Nietzsche “bei Regen wie bei gutem Wetter, einen roten Sonnenschirm getragen [hat] – anzunehmen, daß er davon Schutz gegen die Kopfschmerzen sich erhoffte. Eine Bande von Kindern (...) hatte sich ein Vergnügen daraus gemacht, ihm in den zusammengefalteten Schirm Steinchen zu praktisieren, die ihm, sobald er den Schirm öffnete, auf den Kopf fielen. (...) Wir dachten, in welche schwierige Situation der Leidende gekommen sein mußte, der seinen Quälgeister vergebens verfolgte und ihnen am Ende womöglich noch Recht gab, weil sie das Leben gegen den Geist repräsentierten (...)”*. Abgesehen davon, dass diese apokryphe Geschichte, wovon es in jedem Gegend wie hier manche gibt, zuviel an den Schluss Franz Kafkas Erzählung Der Landarzt erinnert, um wahr zu sein, ist da in den Hochalpen nicht die Rede von Bergen, sondern von Steinchen, das heisst intensive, auf dem ersten Blick ziemlich eigenschaftslose Sachen, welche peinlich werden können.
Die Regionalentwicklung könnte statt grossmaßstäblich vielleicht besser als klein- bis winzigmaßstäblich aufgefasst werden, damit die Ökologie auch vom Anfang an vertreten wird, und zwar durch Ereignisse. Eine Tankstelle ist besser als Steinchen zu betrachten, wie etwas Fremdes statt etwas Fernes. Neulich behauptet die Londoner Universität School of Life, Raststätten, Hotellobbys, Wanderwege und dergleichen sind nicht nur Orte der Einsamkeit, sondern auch der Reflexion, Beruhigung, Begegnung und neuer, nicht vorhergesagter Programmmöglichkeiten. Sie sind gut für die Gesundheit. Eine Regionalplanung würde in dem Sinne sich nicht fragen, was etwa die Radtstädter tun können, wie wichtig das auch sein mag, sondern was wir in Radstadt tun können.

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Die schönsten Ideallandschaften sind aber eigentlich solche, wo gewisse Überzeugungen, wie zum Beispiel religiöse, in einfache, kleinmaßstäblichen Regeln umgesetzt worden sind, wie zum Beispiel in den Shakerdörfern um 1800 in den Vereinigten Staaten, wo alle Häuser entlang oder in der unmittelbaren Nähe einer einzigen Strasse stehen, durch welche die alle erschlossen werden, mit den Fluren und Feldern dahinten, und alle Häuser zwei Vordertüren haben, damit Frauen und Männer unabhängig voneinander ins Hause gehen können, nicht, weil es da einen Unterschied gibt, sondern weil Frauen und Männer dort grundsätzlich gleich geachtet sind. Dadurch wird die meistens unlösbare Schwierigkeit, wer die Vordertür mit ihrem oder seinem Schlüssel öffnet und für wem offen hält, wer als ErtsteR hineingeht und wer als ZweiteR, ästhetisch aufgehoben**. Man kann darüber diskutieren, die einfache architektonische Darstellung solcher Höflichkeit macht es aber auch möglich, dass darüber diskutiert werden kann.
Begehbare Landschaft statt Schaulandschaft, und noch immer ästhetisch und anschaubar, sei es nun auch in den kleinen Sachen. Eigentlich könnte die gesamte Landschaft besser als Garten aufgefasst werden, wobei die Grösse der Landschaft gartenmässig vertreten sein könnte. Damit die Extensität der Talebene zur ästhetischen Gartengestaltung wird, könnte die Talebene bis in die niedrigeren Hängen zum Beispiel von einem ziemlich weit auseinander entfernten punktmässigen Schachbrettmuster aus Weiden bepflanzt werden, was nicht sehr kostspielig sein würde, damit die Andeutung eines riesigen Obstgarten, von der Grösse her aber ohne unmittelbares Obst, entsteht. Garten von Eben.

* Theodor W. Adorno, ´Aus Sils Maria´, Ohne Leitbild. Parva Aesthetica (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1967), 49-51.

**  Ruth Eaton, Die ideale Stadt. Von der Antike bis zur Gegenwart. Übersetzung: Nikolaus G. Schneider (Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung, 2003), 95-97.


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