Blog posts   << Previous post | Next post >>
“Left to right, are Donald C. Dayton, president of the Dayton company, and Victor Gruen, architect and designer, looking over a scale drawing of the [...] development at 66th and France avenue S.”
© Minneapolis Star Tribune.

Post

Posted 01 Dec 2006

Joost Meuwissen, Review von Anette Baldauf und Dorit Margreiter, Der Gruen Effekt. Herausgegeben von Florian Pumhösl, montage 8 (Wien: Montage Verlag, 2006).

Die Stadt als Bühne

Joost Meuwissen

Wenn auch nicht der Urheber des Shopping Malls und des späteren innenstädtischen Fuβgängerbereiches, ist Victor Gruen doch sowohl in den Vereinigten Staaten wie in Europa ihr Verbreiter und Organisator gewesen, dem es im ganz modernistischen Sinne nicht um die individuelle Freiheit des Konsumierens sondern um dessen Kollektivität gegangen ist, wovon die Werbung das Bild ist. Somit müssen Anette Baldauf und Dorit Margreiter in ihrem Buch, das die Wirkung von Victor Gruens Arbeiten zum Thema hat, mit doppelten oder besser gesagt vielgeschichteten Darstellungen der Wirklichkeit rechnen, wobei ein Gegenstand als Konsumobjekt schon von sich aus eine Bedeutung hat, aber als Fetisch wahrgenommen wird, um dann in der Reihe in der Werbung auf die gleiche Weise eine kulturell erhöhte – kollektive – Darstellung zu gewinnen, deren Bedeutung da ist, aber ebenso gleich vom Gegenstand abrutscht. Mit einer solchen Proliferation der Bedeutung der Darstellung ist nicht nur die Grenze einer diskursiven, vielleicht noch zu analysierenden Ebene weit überschritten, wodurch die Semiotik der 1970er Jahre in ihrer direkten Lektüre der Zeichen kein Hilfsmittel mehr sein kann, auch droht zugleich eine solche Darstellung als gegenstandsloser Bedeutungsträger ihre eigene reine Extensität zu bewirken und jeden verfügbaren Raum zu besetzen. In dem Sinne wäre es nutzlos, entgegenwerfen zu wollen, dass eine Stadt nicht nur aus Einkaufszentren, sondern viel eher aus Wohnbauten und Gemeinschaftsbauten wie Kirchen besteht, denn letztere trägen ihre Bedeutungsproliferation über Gesetz und Sprache, nicht über die Bilder bis ins Unendliche. Die gegenstandslose Konsumwelt usurpiert Alles, einschlieβlich den städtischen Raum.
It has been extremely difficult to distinguish the city as lived space from the city as corporate brand abstraction.” Das Buch beschränkt sich darauf, dass das Alltagsleben nur über die unbegrenzte Darstellung desselben verstanden werden kann. Die Wahrnehmung unterstelle Guy Debord zufolge auf unmittelbare Weise ihre Repräsentation. Der erste Teil des Buches versucht über die bestehenden Theorien im Bereich eine Kategorisierung zu schaffen, welche nicht rein metapherisch wirkt oder vielleicht besser gesagt die Tiefe der Metapher – wenn es um Bedeutungen geht – übersteigt. Dieser Versuch ist nicht ohne Dialektik. Von Georg Simmels und Ferdinand Toennies’ Ästhetisierung der städtischen Wahrnehmung wird zurecht behauptet, sie droht zugleich ironisch, satyrisch wie nostalgisch, das heiβt im Grunde genommen auch falsch – elitär – zu werden. Mit Roland Barthes’ Reich der Zeichen, welche den Raum stehlen (ohne dass Barthes übrigens klar macht, wie das vor sich geht), korrespondiert eine tendenzielle Abweisung von Gilles Deleuzes Singularitäten oder anderen Welten oder, würde ich hinzufügen, Michel Foucaults Heterotopien, weil diese dann nicht mehr mit einem Alltagsleben übereinstimmen, das von einer Drohung der Zeichen geprägt worden ist. In der Philosophie könnte es aufgrund einer reinen Wiederholung sozusagen ein Denken ohne Bild (Deleuze) geben, im Alltagsleben gehe das aber immer nicht ganz?
Im Weiteren wird eine empirische Forschung unternommen, welche bisher nicht auf diese Weise gemacht worden ist, der plötzlichen und kurzfristigen Übergang 1989 der osteuropäischen Innenstädten von verharmlostem Repräsentationsbereich bis zum völlig besetzten Repräsentationsbereich einer Shopping City im oben erwähnten Sinne. Sie basiert auf eine rein pragmatische Kategorisierung, Henri Lefebvres Dreiteilung zwischen räumlichen Praktiken (physisch), Raumdarstellungen (geistig) und darstellenden Räumen (zeichenhaft). Es sind ziemlich neutrale, unumstrittene Klassifizierungsparameter, welche ihre Nützlichkeit durch Lefebvres eigene Forschungen schon bewiesen haben. Das Eigentümliche und Lehrreiche könnte sein, dass die Erscheinung der westlichen Einkaufszentren, welche sich über die Zeit entwickelt hat, von dem abrupten Auftauchen im bestehenden Stadtzentren der östlichen mal erklärt wird.


Tags for this post:
koolhaas rem 1990s

0 comment(s)
Blog posts   << Previous post | Next post >>