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Posted 02 Mar 1998

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Michael Speaks, ‘Der rätselhafte Empirismus der Gruppe One’. Übersetzt von Michael Bischoff, Daidalos. Architektur Kunst Kultur, 67, März 1998 (Gütersloh: Bertelsmann Fachzeitschriften GmbH, 1998), 108-109.

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Der rätselhafte Empirismus der Gruppe One

Michael Speaks

Die Projekte der Amsterdamer Architektengruppe One Architecture gehören zu den direktesten, aber auch rätselhaftesten Arbeiten einer neuen Generation post-avantgardistischer holländischer Architekten. Direkt, weil ihre Projekte entwaffnend offen und leicht verständlich sind; rätsel­haft, weil dieselben Projekte eine intellektuelle Ratlosigkeit auslösen, wie man sie empfindet, wenn man einer Tatsache oder Realität begegnet, die auf den ersten Blick nur allzu banal und augenfällig erscheint, aber ein beträchtliches Veränderungspotential enthüllt, sobald man sich eingehen­der mit ihnen beschäftigt. Die Konzentration auf das, was schon da ist, kann als ein modus operandi in der Arbeit der Gruppe One gelten; sie pragt den ihr eigentümlichen Empirismus und bietet uns zugleich Hinweise auf ihr gleichermaßen idiosynkratisches Verständnis des Raumes, der in ihren Augen nicht länger als Behälter, Medium oder phänomenologisches A-pri­ori verstanden werden darf, sondern als empirische Realität begriffen wer­den muss.
In ihrem Leidsche-Rijn-Wohnmodell, das hier vorgestellt werden soll, wird der Empirismus zum eigenständigen Designprinzip. Die Gruppe greift einen Wunsch auf (und verstärkt ihn), der von vielen Holländern tief empfundenen wird, aber typischerweise unausgesprochen bleibt, den Wunsch nach dem Leben in der Vorortsiedlung mit seiner Betonung der (Auto-) Mobilität, der Jugend, des Sports und der Konsumentenkultur. In den Niederlanden werden öffentlicher und privater Raum normalerweise als Gegensätze empfunden. Als offentlicher Raum gelten Stadt und Land gleichermaßen, während der private Raum mit jenem anrüchigen, aber dennoch wünschenswerten Amalgam aus Stadt und Land identifiziert wird, das die Vorortsiedlung darstellt. Das alles erfährt noch eine weitere Komplizierung durch das in Holland berühmte “grüne Herz,” eine mythi­sche ländliche Zone, die von den städtischen Räumen der sogenannten Randstad eingeschlossen ist. Ideologisch sollen grünes Herz und Randstad als eine einzige dialektische Einheit öffentlichen Raums fungieren, die der Ausbreitung der Vororte, dem Reservoir der privaten Räume fur die Mas­sen, Grenzen setzt. Seit langem schon debattiert man in den Niederlanden heftig über die Frage, ob man das “grüne Herz” für Wohnzwecke und Industrieansiedlungen erschließen soll, und diese Debatte ist noch heftiger und wirrer geworden, seit das Vierte Protokoll zur Raumordnung in den Nieder­landen (VINEX) die Notwendigkeit ausgewiesen hat, bis ins Jahr 2010 mehr als eine Million neue Wohnungen zu bauen.
Das Tennisplatz-Haus-Projekt der Gruppe One greift in diese Debatte ein und behauptet, das “grüne Herz” sei gar keine pastorale Landschaft mehr (wenn es dies denn überhaupt jemals war), sondern bereits eine hybride Mischung aus öffentlichem und privatem Raum; angesichts zahl­reicher Ferienhäuser und des alljährlich ansteigenden Verkehrs werde deutlich, dass die Vorortsiedlung längst dort sei und damit auch der hollän­dische Wunsch nach dem für die Vorortsiedlung typischen Leben. In ihrem Projekt machte die Gruppe “One” sich daran, diese beiden bereits vorhan­denen Realitäten zusammenzubringen. Tennisbälle, Netze und die Flächen der Tennisplätze werden zu einer Folge repetitiver Elemente zusammenge­fügt – Tennisball, Tennisball-Lampe an Hochspannungsleitungen, Tennis-

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ball-“Sonne” – , die die Kategorien des öffentlichen und des privaten Raums bewahren und zugleich neu definieren sollen. One will die Spannung zwi­schen öffentlichem und privatem Raum nicht auflösen, sondern zur Ent­wicklung architektonischer Lösungen für eine vom Markt beherrschte Welt nutzen, in der es längst keinen rein öffentlichen oder rein privaten Raum mehr gibt, sondern eine Vielzahl neuer hybrider Räume. Letztlich möchte One den privaten Bereich des Wohnens mit einem Lebensgefühl ausstatten, wie es nur öffentliche Räume erzeugen können. Als Modell dient dabei das Fernsehen, denn in dem Lebensgefühl, das dieses Medium im Betrachter wie in den Objekten der Betrachtung auslöst, erblicken sie die engstmögliche Annäherung an eine ideale private Erfahrung öffentli­chen Lebens. In der von Deleuze geprägten Sprache ausgedrückt, auf die sich One gerne stützt, erzeugt die prononcierte öffentliche Wiederholung den privaten Unterschied – hundertprozentig öffentlich und hundertpro­zentig privat, wie sie sagen. In neueren Projekten, etwa ihrer Stadtplanung für Salzburg, hat die Gruppe One begonnen, komplexere Lösungen für die in ihrem Tennisplatz-Haus-Projekt aufgeworfenen Probleme anzubieten. Mit der weiteren Entwicklung ihres einzigartigen visuellen Stils und ihrer rätselhaften Sprache werden die von ihnen angebotenen Lösungen sicher noch direkter werden, auch wenn unsere Ratlosigkeit wahrscheinlich blei­ben dürfte. Angesichts des Zustands der heutigen Architektur kann das nur gut sein.

Sehen Sie das ganze Projekt

Lesen Sie das Kommentar vom Architekten

Lesen Sie das Interview von Bernd Knaller-Vlay und Georg Kolmayr


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housing
landscape
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