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Posted 07 Jan 1997

C[hristian] v[an] L[essen], ‘Eine Vision von Bouw/Meuwissen, Amsterdam’, Der Tagesspiegel, January 5, 1997.

C[hristian] v[an] L[essen], ‘Vision von Matthijs Bouw/Joost Meuwissen, Amsterdam’, Der Berliner Schloßplatz. Visionen zur Gestaltung der Berliner Mitte. Edited by Monika Zimmermann, with an introduction by Rita Süssmuth (Berlin: Argon Verlag und Der Tagesspiegel, 1997), 112.

Der Berliner Schlossplatz. Vision von Matthijs Bouw/Joost Meuwissen

Christian van Lessen

Eine Provokation – der Schlossplatz, vor die Hunde ge­kommen. Da stehen sie nun, jeder auf hohem Sockel, als Denkmal: Dackel, Schäferhund, Königspudel, Dogge, Yorkshire und Boxer blicken vom Schlossplatz in Rich­tung Unter den Linden und denken sich ihren Teil, suchen vielleicht nach irgendeinem Baum. Die international bekannten niederländischen Architekten Matthijs Bouw und Joost Meuwissen (Professor für Städtebau und Ent­werfen an der TU Graz) haben sich keck mit dem Schlossplatz einen Spaß erlaubt, wobei sie doch mit eini­gem Ernst an die Geschichte erinnern, denn die Schlossbrücke von Schinkel ersetzte einst die ärmliche Hunde­brücke über die Spree.
Säulen schlug schon Schinkel vor: Sie sollten aber am gegenüberliegenden, damals kleineren Dom entlang auf­gestellt werden, was nicht geschah. Säulen aber, schlagen die Architekten vor, könnten dort wirklich errichtet wer­den, mit einer Serie bedeutender deutscher Staatsmänner vielleicht. Aber dann, auf dem Schlossplatz, müssten eben auch säulenheilige Hunde stehen, “während gleichzeitig normale Leute aus Berlin mit ihren Hunden in diesem Gebiet spazierengehen und so, wie überall, ihren Hunden immer ähnlicher sehen,” erläutern die Architekten bissig.
Ihre geistige Spur zu den Hunden ist lang und ver­schlungen. Einen Wiederaufbau des Schlosses lehnen die Planer ab. Ohne Funktion wäre es nur das Symbol eines frustrierten Verhältnisses zur Vergangenheit. “Der Palast der Republik ist ein gutes Schloss.” Als nationales Sym­bol wie der Reichstag eignet sich ein neues, altes preußi­sches Schloss nicht. Vorgeschlagen wird ein “Volkspalast unserer Zeit,” ein Platz ohne Dach, der sich bis zur Friedrichwerderschen Kirche erstreckt, die eine Art Schlosseingang markiert.
Die Schinkelsche Kirche war zwar nie als Teil des Plat­zes gedacht, der architektonische Entwurf ließ die Dop­peltürme so niedrig wie moglich, um die Horizontalität des Platzes nicht zu stören, aber das macht nichts. Denn ein Volkspalast benötigt eine andere Distanz: Nicht mehr die einst krasse Kluft zwischen Volksstadt und histo­rischer Dynastie, sondern eine Distanz zwischen der benachbarten Volksstadt und – beispielsweise – einem Popkonzert. Denn Konzerte könnte es hier geben, der Schlossplatz dann eine Arena sein, eine “BerlinA,” die sich vom Palast der Republik ausdehnt und vielleicht so­gar mit ihm eins wird. Da Berlin aus einer losen Konfigu­ration von Kleinstädten besteht, ist es ratsam, dass alle kulturellen Ereignisse die alten, ehemaligen Industrie­bauten an der Peripherie verlassen und “das neu entstan­dene Stadtzentrum besetzen und somit stärken.” Und dann stehen hier vielleicht auch, wie zu früheren Ost-­Berliner Zeiten, größere Tribünen, an deren Hinterseite die Säulen mit den gelangweilt, listig oder aufmerksam wirkenden Hunden stehen, die “in eine falsche Richtung blicken, was Hunde manchmal tun.” Und sie schauen in die Leere. Blickten sie über einen vollen Platz, wäre es “wohl eine bessere Losung,” von der die Architekten aber auch nicht so völlig überzeugt sind. Sie überlegten zwar, dass sich der Palast der Republik vervielfacht über den gesamten Platz ausdehnen könnte, was dann aller­dings der Idee vom Platz ohne Dach widerspricht.
Und dann hätte ja auch der Hundeplatz mit den Vierbei­nern auf den Säulen keine richtige Chance mehr.

 

 


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