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Posted 01 Aug 2010

Joost Meuwissen, Review von Luisa Paumann, Vom Offenen in der Architektur: Raum-Denken jenseits des Poststrukturalismus (Wien: Passagen Verlag, 2010).

Ereignis

Joost Meuwissen

Luisa Paumann befasst sich mit der Differenz oder der Idee der Architektur heute. Eine Differenz der heutigen Architektur könne dadurch erreicht werden, daβ eine möglichst ständige Differenzierung innerhalb der Architektur gemacht werden könne. Die Differenz der Architektur als Kategorie wird hier aber nicht aufgebaut aufgrund der übliche Summe von Aktionen, wie Denken, Bauen, Wohnen, oder der Summe von Architekturen als Beispiele oder Typologien aus der Vergangenheit. Dann würde die Idee der Architektur in einer Art Entwurfs- oder Projektnormativität geliegen haben. Es wird dagegen am Anfang prinzipiell davon ausgegangen, daβ architektonische Aktionen solche der Natur sind, ohne daβ letztere an und für sich die Idee der Architektur bilden würde. Dazu kommt ein neuer Begriff hinein, der des Offenen oder eines virtuellen Raumes, der keine Natur ist, sondern agiert wie sie. Daraus entsteht der Ort.
Nachdem die Natur derart als ein virtueller und an und für sich nicht als aktueller oder manifester Raum betrachtet wird, ist jeder im Fachbereich noch immer vorherrschende Naturalismus des Bauens in einem nun einmal vorhandenen, verhängnisvollen cartesischen Raum oder in einer passiven, landschaftsartigen Wirklichkeit beseitigt worden. Luisa Paumann macht in diesem Sinne innerhalb der Architekturtheorie einen ausschlaggebenden Schritt. Da die Architektur dann auch nicht mehr, wie es seit dem Altertum doch gewesen, wie ein Bild der Natur betrachtet wird oder gedacht werden soll, mit der dazukommenden geschlossenen mimetischen Begründung ihrer Formensprache, wird in der Reihe weder die Natur als virtueller Raum noch eine Normativität ihrer Offenheit die Idee der Architektur alleine und ausschliesslich bestimmen können. Das Offene wird wie ein Ereignis betrachtet, welches notwendigerweise in die Wirklichkeit hineindringt und somit jede Form und Ordnung in deren Enstehung sowohl zerbrecht wie als Differenziertes sich manifestieren lässt. Nur wie ein reines “Ereignis” kann dass Offene dann für die Idee der Architektur gehalten werden, auch aus dem bloβ logisch schwierig zu denkenden negativen Grund, daβ jedes Projekt sowie die ganze Architektur als solches betrachtet werden kann. So wird dann eine Bestimmung dieses Ereignishaften die Hauptaufgabe dieses Buches.
Mit dem möglichen Ereignishaften des Offenen wird statt Raum eine Zeitkategorie eingeführt, welche keinen Unterschied zwischen Vergangenem, Heutigem und Zukünftigem verlangt. Zwar bestätigt ein solcher phänomenologischer Ansatz Edmund Husserls Maxime in seinem Aufsatz Vom Ursprung der Geometrie, Gebäude sowie Werkzeuge hätten keine ideelle Objekthaftigkeit, durch die autorlose Begründung der Architektur in die Natur wird hier aber zugleich jegliche festzustellende reine Gegenständlichkeit, nicht nur die ideelle, in der Architektur in Frage gestellt. Architektur ist kein Festes, sie ist Bewegliches und ihre Forme, wie sie sind und wie sie manifest sind, entwickeln sich immer weiter „bis ins Unendliche“, wie Schinkel in seinen Gedanken zur Baukunst es formuliert hat. Eine Aufhebung des linearen Zeitverlaufs zugunsten zwei nicht dialektisch aufzufassenden, sondern sich integrierenden – sich zum Ereignis kreuzenden, würde ich sagen – temporären Bewegungen, die des Öffnens und die des Manifestierens, was auf den fast unübersetzbaren Unterschied Gilles Deleuzes zwischen différenciation und différentiation zurückführt, beseitigt jede intentionelle Betrachtung und mithin jede individualbedeutungssuchende oder fallbedeutungsdemontierende Theorie der Architektur. Dieser klar formulierte, sich mit Bezug auf die zeitgenössischen Architekturtheorien kritisch äussernde und begründete Standpunkt macht dieses Buch zu einem wichtigen Beitrag im Fachbereich.
Im Vergleich zu denjenigen Theorien, welche statt einen Naturbegriff einen Nominalbegriff für die Architektur zur Wirkung gewählt haben, wie im italienischen Rationalismus der 1960er Jahre, könnte aufschluβreich sein, weil aufgrund eines Nominalbegriffes, wie Giorgio Grassis tautologischer Architekturdefinition (Architektur ist, was sie ist; die Architektur, das sind alle Architekturen) 1967 in seinem La costruzione logica dell’ architettura, auch eine raum-, ort- und bauauflockernde Architektur konzipiert werden konnte, sei es denn entlang einer Negativierung (negazione und omissione) der Erscheinung ihrer Elemente, wie sie aus einer ihre historische Totalität beanspruchenden Klassifizierung zusammengestellt hätten sein können. Denn der Naturbegriff der Architektur führte meistens, wie noch auch im Aufsatz Bigness, 1995 im S.M.L.XL von Rem Koolhaas, zurück auf die bis jetzt auch in der Philosophie kaum gelöste Frage einer neuen, nicht-darstellenden Phantasie aufgrund Immanuel Kants erschreckenden Erhabenen, wie Luisa Paumann ebenso in einem der Schluβsätze der Grundfassung des vorliegenden Buches sehr schön, nicht nur rhetorisch festgestellt hat: “Denn mangelt es an einem leserlichen objektivierten kollektiven Gedächtnis, dann muss der Architekt selbst Bezugssystem sein: Dieses persönliche System weist aber oft Widersprüche mit dem des Orts auf, ohne dass man diese – da der Ort unleserlich geworden ist – wirklich definieren oder auf einen Punkt bringen könnte. Es entsteht ein befremdendes, unlebendiges Gefühl, dessen Ursache dann wieder der Form und ihren Umständen, aber nicht dem Grund zugeschrieben wird.” Giorgio Grassi hat es nicht umsonst die tragische Bedingung des heutigen Architekturschaffens genannt.

 


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